„Manche rennen meilenweit, wenn von Opfern und Verantwortung gesprochen wird.“ (George Jackson)

Das Dar al Janub/der Verein für antirassistische und friedenspolitische Initiative entwickelte sich im Zuge der Proteste der beginnenden 2000er Jahre, als die Angriffskriege gegen Afghanistan und später den Irak Menschen aus unterschiedlichen politischen Zusammenhängen und Migrationshintergründen auf die Straße brachten. Intensive und langjährige interne Diskussionen anlässlich des sogenannten „Krieg gegen den Terror“, über koloniale Verbrechen des globalen Nordens gegen den globalen Süden, das zentrale Element des Rassismus als Legitimation für koloniale Eroberung, ökonomische Ausbeutung und geopolitische Herrschaft, sowie die historische und gegenwärtige Bedeutung des arabisch-muslimischen Raums in diesem Kontext führten zum Wunsch gemeinsam politische Arbeit zu leisten – und VERANTWORTUNG zu übernehmen.

„Der Kolonialherr macht die Geschichte und weiß, daß er sie macht. Und weil er sich ständig auf die Geschichte seines Mutterlandes bezieht, gibt er deutlich zu verstehen, daß er hier der Vorposten dieses Mutterlandes ist. Die Geschichte, die er schreibt, ist also nicht die Geschichte des Landes, das er ausplündert, sondern die Geschichte seiner eigenen Nation, in deren Namen er raubt, vergewaltigt, und aushungert. Die Unbeweglichkeit, zu welcher der Kolonisierte verdammt ist, kann nur dadurch in Frage gestellt werden, daß der Kolonisierte beschließt, der Geschichte der Kolonisation, der Geschichte der Ausplünderung ein Ende zu setzen, um die Geschichte seines Landes, die Geschichte der Dekolonisation beginnen zu lassen.“ (Frantz Fanon)

Die gesetzten Schwerpunkte verliehen den Vereinsräumlichkeiten zugleich den Namen: Dar al Janub – arabisch für „Haus des Südens“.  Zeitgleich intensivierte sich die öffentliche Debatte über den Hijab und den Islam, und die Entsolidarisierung weiter Teile der Reste linker Gruppierungen und Bewegungen mit dem globalen Süden (sogenannte „Dritte Welt“/“Entwicklungs- und Schwellenländer“) nahm zu. Waren die linken Debatten der 1980er Jahre (deren Ausklänge in den 1990er und 2000er Jahren vernehmbar waren) noch geprägt von Begriffen wie kolonialer/neokolonialer Ausbeutung, Befreiungsbewegungen des globalen Südens und internationaler Solidarität mit den unterdrückten Völkern, zerfielen in dieser Zeit viele linke Gruppierungen oder – schlimmer noch – gingen endgültig in NGOs auf. Damit wurde Politik aus einem selbstbestimmten Raum heraus systematisch in die Institutionen, die selbst die Verhältnisse verursachen, integriert. Die ProtagonistInnen wurden zu Lohnarbeitenden und haben notwendigerweise als ehemalige fortschrittlich Denkende oder sich selbst links Verortete den (neuen) institutionalisierten Rassismus übernommen und perfektioniert.

Der Diskurs veränderte sich grundlegend. Kulturrassistische und hegemoniale Argumentationen dominierten zunehmend und der Begriff der Solidarität selbst wurde hegemonial umgedeutet. Die sogenannte NATO-Erweiterung, die Konsolidierung der Europäischen Union, die „Kriege gegen den Terror“ und die „Friedenssicherungsmissionen“ hatten den Begriff grundlegend transformiert und konterkariert.
Das Dar al Janub war daher von Beginn an als Projekt konzipiert, das in diesen Spannungsfeldern arbeiten wollte. Das „Haus des Südens“ (arabisch: „Dar al Janub“) sollte politische Arbeit von Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenzubringen und an das Verständnis von internationaler Solidarität, Internationalismus und antikolonialer Befreiung anknüpfen und neu denken. Die Verknüpfung akademischer Diskurse (insbesondere des globalen Südens; und dort insbesondere marginalisierte Stimmen) mit praktischer Solidaritätsarbeit zählten daher von Beginn an ebenso zur selbstgewählten Agenda, wie auch eigene, nicht-akademische Wissenschaftsarbeit – bewusst außerhalb der Wissensindustrie. Hegemonialer Wissenschaft als Herrschaftsdienst sollten Ansätze einer politischen und wissenschaftlichen Arbeit im Dienste der internationalistischen Solidarität entgegengesetzt werden.

Nach einer mehrjährigen Anfangsphase, brachten auch die Versuchungen staatliche Förderungen zu erlangen das Dar al Janub nahe an die NGO-Industrie. In der praktischen Umsetzung staatlich geförderter Projekte wurde der klaren Positionierung des Vereins zum europäischen Siedlerkolonialismus in Palästina vehement Grenzen gesetzt, indem die Regierungsagenturen repressiv intervenierten. Aus heutiger Sicht sind wir diesem Umstand politischer Einflussnahme sehr dankbar. Einerseits benötigte es die Erfahrung, um der politischen Instrumentalisierung durch Regierungsagenturen zu entkommen und nicht Teil der Systematik zu werden, die die globalen Verhältnisse zu VERANTWORTEN hat. Andererseits wurde offensichtlich was im repressiver werdenden Raum der bürgerlichen Demokratien sagbar wurde und was nicht. Die Intellektuellen der Institutionen haben Leute wie Herbert Marcuse zum unsagbaren erklärt. Nicht etwa indem sie ihn verteufeln oder diffamieren, sondern in dem sie die Grenzen des sagbaren akzeptieren. Der Lohn dafür ist die Akzeptanz des Apparats, der desto lauter applaudiert, je heißer die Luft ist, die verbreitet wird. Das Bewusstsein des/der Intellektuellen in den Institutionen ist kein „umkämpftes Gebiet“ mehr, wie einst Gramsci attestierte. Es ist mittlerweile erobert. Der Aufruf Cecil Rhodes: „Wenn Sie den Bürgerkrieg nicht wollen, müssen Sie Imperialisten werden” haben die WissensproduzentInnen, JournalistInnen und RegierungsberaterInnen verschiedentlich tief verinnerlicht – aus Eitelkeit, Feigheit oder Überzeugung. Egal.           

„Aber ich glaube, daß es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein ‚Naturrecht‘ auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben. Gesetz und Ordnung sind überall und immer Gesetz und Ordnung derjenigen, welche die etablierte Hierarchie schützen; es ist unsinnig, an die absolute Autorität dieses Gesetzes und dieser Ordnung denen gegenüber zu appellieren, die unter ihr leiden und gegen sie kämpfen – nicht für persönlichen Vorteil und aus persönlicher Rache, sondern weil sie Menschen sein wollen. Es gibt keinen anderen Richter über ihnen außer den eingesetzten Behörden, der Polizei und ihrem eigenen Gewissen. Wenn sie Gewalt anwenden, beginnen sie keine neue Kette von Gewalttaten, sondern zerbrechen die etablierte. Da man sie schlagen wird kennen sie das Risiko, und wenn sie gewillt sind, es auf sich zu nehmen, hat kein Dritter, und am allerwenigsten der Erzieher und Intellektuelle, das Recht, ihnen Enthaltung zu predigen.“   (Herbert Marcuse)                

Das Dar al Janub wurde und ist somit zu einem politischen und sozialen Zentrum geworden, das mittels Kongressen, Vorträgen, Lesungen und Symposien einerseits Gegenöffentlichkeitsarbeit leisten will, andererseits politischen, sozialen und politisch-kulturellen Gruppen, Initiativen und Kampagnen Infrastruktur anbietet, die der öffentliche Raum zunehmend verweigert. Und natürlich – immer und überall – im Alltag sind die Handelnden konkret und unmittelbar konfrontiert, wenn es um die Verteidigung politischer und sozialer Rechte geht, wenn FreundInnen und Geschwister in den Institutionen oder auf der Straße mit dem Rassismus der Dominanzgesellschaft konfrontiert werden. „Kein Fußbreit“ bleibt die Devise, die leicht gesagt und schwer umzusetzen ist. Das letzte Wort in unserer Selbstdarstellung wollen wir einer Derjenigen überlassen die Bedeutung hat:

Liebe (Assata Shakur)

Liebe ist eine Konterbande in der Hölle,

weil Liebe eine Säure ist

die Gitter wegfrisst.

 

Aber du, ich und morgen

Wir halten uns beide an den Händen und geloben

dass der Kampf sich vervielfältigen wird.

 

Zwei Blätter hat die Säge.

Zwei Läufe hat die Schrotflinte.

Wir gehen schwanger mit Freiheit.

Wir haben uns verschworen.