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Kurzer Veranstaltungsbericht

Remapping Palestine - Symposium vom 19. bis 21. Oktober 2011

 

Vom 19.-21. Oktober 2011 fand in Wien das Symposium "Remapping Palestine - historische und geographische Entwicklungen, aktuelle Implikationen und Perspektiven im Nahost-Konflikt" statt. Organisiert wurde diese Tagung vom Dar al Janub - Verein für antirassistische und friedenspolitische Initiative mit Unterstützung von Pax Christi, der Anna Lindh Foundation Austria, der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen, dem Koordinationsforum zur Unterstützung Palästinas und der Stadt Wien. Die Austrian Development Agency (ADA) hat einen im Juni abgeschlossenen Fördervertrag sechs Wochen vor der Veranstaltung nachträglich platzen lassen.

Es ist immer eine schwierig zu beantwortende Frage, an was sich der Erfolg von Konferenzen bemessen lässt. Sind es die BesucherInnenzahlen, die Inhalte, die Resonanz in der Öffentlichkeit, die im Rahmen der Konferenz aufgeworfenen Fragestellungen und deren Beantwortung, die nachhaltigen Netzwerke und die Synergie-Effekte, die durch eine Zusammenarbeit verschiedenster Organisationen der Zivilgesellschaft zu Stande kommen,…?

Die BesucherInnenzahlen waren bei diese Veranstaltung sicher ein gewisser Indikator des Erfolges. Angesichts der offenen Diffamierungen und der substanzlosen Vorwürfen der ÖIG (Österreichisch-Israelische Gesellschaft), der inoffiziellen Interventionen von israelischer Seite, der poliltisch zweifelhaften Vorgehensweise der ADA, sowie des nahezu boykottartigen Totschweigens durch die Mainstream-Medien in Österreich gegen die Veranstaltung, war nicht sicher, inwieweit die Diskreditierungsversuche Wirkung zeigen würden. Nichts desto trotz haben rund 500 Interessierte aktiv an der Veranstaltung teilgenommen, in Workshops Fragestellungen erörtert und erarbeitet, die ReferentInnen befragt und untereinander intensiv diskutiert.

Leider - und das wäre auch ein Ziel der Veranstaltung gewesen - haben es die VertreterInnen der ÖIG oder der israelischen Botschaft nicht zu Wege gebracht teilzunehmen, sich zu Wort zu melden und ihre Bedenken in einem kritisch-konstruktiven Dialog mit zu einzubringen.

Die - so könnte man meinen - nur noch aus grauen Vorzeiten bekannte Interventionstradition, unliebsame und kritische Stimmen durch interne Absprachen und durch nachträgliche Rücknahmen vertraglich zugesicherter Förderzusagen zum Schweigen zu bringen, ist demokratiepolitisch im höchsten Maße bedenklich. Die verantwortlichen Stellen haben unsere Argumente ignoriert. Konfrontiert mit einer kafkaesk-bürokratischen Vorgehensweise offizieller Institutionen und Zeitungs-Redaktionen, stellten die Wochen vor der Konferenz die AktivistInnen und ReferentInnen der Konferenz vor eine schwere Probe und erschütterten das Vertrauen an eine österreichische Rechtsstaatlichkeit. Auch wenn es in den betreffenden Institutionen und Behörden MitarbeiterInnen gab, die uns in persönlichen Gesprächen von ihrer Integrität und ihren Grundsätzen überzeugen konnten, hat uns das Vorgehen namentlich der ADA (Austrian Development Agency) und des Außenministeriums hart getroffen. Denn die Zurücknahme des Fördervertrages ist nicht nur im Zusammenhang mit der versuchten Verhinderung der Konferenz zu sehen, sondern schädigt eine kleine NGO wie Dar al Janub nachhaltig. Wir müssen ernsthaft in Frage stellen, welches Licht das Vorgehen der ADA in Bezug zur Nachhaltigkeit im entwicklungspolitischen Kontext wirft (siehe dazu auch "Offener Brief an Dr. Helmuth Hartmeyer").

Erster Tag

Zu diesen Vorkommnissen hat Helmuth Hartmeyer, Leiter der Abteilung "Förderung Zivilgesellschaft" innerhalb der Austrian Development Agency in seiner Rede am ersten Tag Stellung bezogen und sein Bedauern über das zweifelhafte Vorgehen der ADA ausgedrückt. Gerhilde Merz von Pax Christi hat an dieser Stelle die Notwendigkeit des kritischen Dialogs hervorgehoben und die Friedensarbeit von Pax Christi vorgestellt.

Joseph Massad hat sich in seinem Vortrag "Truth, Facts and Facts on the Ground" auf die fast identen Legitimationen der israelischen Regierung und der aktuellen US-Administration bezüglich der negativen Haltung in der Frage der Anerkennung eines palästinensischen Staats bezogen. Hierzu verwendete er Auszüge aus den jüngsten Reden vor der UNO von Netanyahu und Obama..

Zweiter Tag

Im Workshop "die Konstruktion orientalisierter Fremdheit und okzidentalisierter Eigenheit am Beispiel des Nahostkonflikts" wurden aus aktuellem Anlass Zeitungsberichte über den israelisch-palästinensischen Gefangenenaustausch einer kritischen Analyse unterzogen. Die TeilnehmerInnen versuchten in der Diskussion Stereotype zu identifizierenden und die dichotomisierende Herstellung von ‚wir' und ‚ihnen' gegen den Strich zu lesen. Einer solchen Lesart folgend wurde beispielsweise in einem Zeitungsartikel der Name Gilad Shalit durch den Namen eines frei gelassenen palästinensischen Häftlings ausgetauscht. Durch diese Perspektiven-Verschiebung konnte der Blick auf die selbstvergessene Auslassung der ‚anderen' Seite geschärft werden.
Die Nachmittag- und Abendveranstaltung des zweiten und dritten Tages standen ganz im Zeichen der palästinensischen Zivilgesellschaft und deren aktive Teilnahme am entwicklungspolitischen Prozess in der Region. Palästinenser aus dem libanesischen Exil, aus Israel und der Westbank, sowie Salman Abu Sitta, ehemaliges Mitglied des palästinensischen Nationalrats und Präsident der Palestine Land Society rekonstruierten die Geschehnisse rund um die Nakba und zogen Schlüsse für die heutige aktuelle Lage.

Im Vortrag "Perspektiven und Hindernisse einer Gedenkarbeit zur Nakba in Israel" stellte Umar al-Ghubari von der israelischen NGO "Zochrot" seine Arbeit vor. Zochrot setzt sich für eine historische Anerkennung der Nakba in Israel ein und versucht mit Workshops und Ortsbesichtigungen die israelische Zivilgesellschaft über die Vertreibung von 1947-1948 zu informieren und dafür zu sensibilisieren. Regelmäßig besucht Zochrot mit Augenzeugen der Nakba die zerstörten Dörfer in Israel und bringt jüdischen Israelis die Geschichte der Vertreibungen von 1948 nahe. Ein weiterer Tätigkeitsbereich ist die Arbeit zum völkerrechtlich verbrieften Recht auf Rückkehr. Zochrot tritt nicht nur für dieses Recht ein, sondern entwickelt heute bereits Umsetzungspläne, wie in einem gerechten zukünftigen Staat palästinensische Flüchtlingen und deren Nachkommen gemeinsam mit ihren jüdischen Nachbarn leben können. Diese Vorschläge haben großen entwicklungspolitischen Wert, werden aber durch die offizielle israelische Politik denunziert und durch gesetzliche Verschärfungen oftmals sogar bedroht.
Anschließend stellte Salman Abu Sitta in seinem Vortrag "Mapping Palestine - For its Survival or Destruction" den jüngst herausgegebenen "Atlas of Palestine 1917-1966" vor. Dieses Buch ist eine umfassende Kartensammlung, die die Besiedlung und Besetzung Palästinas durch EuropäerInnen seit nun fast 100 Jahren anhand von militärischem Kartenmaterial geografisch dokumentiert und nachzeichnet.
Über das palästinensische Rückkehrrecht aus unterschiedlichen Perspektiven diskutierten am zweiten Abend Umar al-Ghubari von Zochrot, Ali Hweidi von der palästinensischen NGO "Thabit" im Libanon und Salman Abu Sitta.


Dritter Tag

Der Workshop "Zionismus und Raumplanung am Beispiel Jerusalems/ Al Quds" von Viktoria Waltz beschäftigte sich mit dem nicht-militärischen Vertreibungs- und Verdrängungsprozess in Israel und Palästina. Viktoria Waltz stellte dar, wie der israelische Staat Enteignungen vorantreibt, indem er wahlweise das osmanische Recht, die Gesetze aus der britischen Mandatszeit und das heutige israelische Gesetz gegen palästinensische BürgerInnen in Palästina und Israel anwendet. Die Workshop-TeilnehmerInnen erarbeiteten eigene Pläne "zur Dezimierung der palästinensischen Bevölkerung" in Jerusalem/ Al Quds, um die Vorgangweise der israelischen Behörden genauer verstehen zu können.
Anschließend sprach die Bundestagsabgeordnete Annette Groth von der Partei DIE LINKE über die europäische Nahostpolitik und hob deren Schwächen hervor.
In der danach folgenden Podiumsdiskussion "NGOiesierung in der Westbank und in den palästinensischen Flüchtlingslagern: Selektive westliche GeldgeberInnen-Politik und die Rolle von NGOs", kritisierte Annette Groth die bevormundende Haltung westlicher GeldgeberInnenstaaten, die vor allem auch bei sich selbst und ihren eigenen entwicklungspolitischen Maßnahmen Kritik zu üben hätte. Fawaz Hammad von der Arab American University Jenin, zeichnete die GeldgeberInnen-Politik in der Westbank und Gaza und deren Veränderungen seit der letzten Intifada nach.

Laut Dr. Hammad sei es bemerkenswert, wie gut westliche Organisationen mit islamischen Hilfskomitees bis zu den Wahlen 2006 zusammengearbeitet hätten (z.B. auch österreichische Organisationen) und wie dieser Prozess mit dem Wahlsieg des Change and Reform Blocks gestoppt worden sei. Mit dem Osloer Friedensprozess seien zwar enorme Summen für palästinensische Bevölkerung bereitgestellt worden, diese hätten jedoch keine nachhaltige Entwicklung in den palästinensischen Gebieten forciert. Ganz im Gegenteil, habe sich die Lage der palästinensischen Bevölkerung bis heute dramatisch verschlechtert und die Menschen in eine Abhängigkeit getrieben.
Die meisten BesucherInnen kamen zum Vortrag von Ilan Pappé. In seinem Referat "Out of the Frame - Der Kampf um die akademische Freiheit am Beispiel des Nahostkonflikts" schilderte er seinen Werdegang vom zionistischen Wissenschaftler zur Persona non Grata in Israel, aber auch grundsätzlich die Bedeutung von Wissenschaft in Bezug auf Objektivität, und Moral.
Der Abend klang mit der palästinensischen Dabka Gruppe "Judhur Filistin" und dem türkisch-österreichischen Sänger Alp Bora aus. Dabka ist nicht nur ein Volkstanz, wie es ihn in den ganzen Ländern der Levante gibt. Dabka hat für PalästinenserInnen einen hohen symbolischen Charakter als Teil ihrer Kultur, die dort über die Jahrtausende bestand hatte und heute international negiert wird.

Kontextualisierung vs. Mythenbildung


Ein wesentliches Problem in der historischen Aufarbeitung der Nakba und die damit verbundene Entstehung Israels, ist das große Informationsdefizit in den westlichen Ländern. Der "Unabhängigkeitskrieg" Israels ist bis heute eine myhtenumwobene historische Darstellung, die insbesondere in Europa geschichtswissenschaftlich kaum behandelt wird. Die Nakba als historisches Thema wird historisch, journalistisch und in der öffentlichen Debatte zum israelisch-palästinensischen Konflikt bestenfalls nur fragmentiert dargestellt, damit auch der israelisch-palästinensische Konflikt historisch de-kontextualisiert und als Abfolge unverständlicher Gewaltausbrüche und Vergeltungsmaßnahmen wiedergegeben. Der Konflikt ist jedoch nur zu verstehen und auch nur lösbar, wenn man ihn in einen historischen Bezug setzt. Jede politische und entwicklungspolitische Maßnahme, jeder Versuch einen dauerhaften Frieden zu schaffen, kann nur unter Anerkennung des 1948 geschehenen Unrechts nachhaltigen Erfolg haben. Alle bisherigen Versuche, den Konflikt aus der Geschichte herauszulösen, sind, wie auch der Osloer Friedensprozess, gescheitert. Dies war ein Conclusio des Vortrags von Joseph Massad.

Nicht zuletzt deshalb war dieses Symposium als Fachtagung angelegt, um die historischen Ereignisse in das Bewusstsein zurückzurufen und zur Diskussion zu stellen. Es sollten bewusst nicht die üblichen Konfrontationen zwischen zwei absolut konträren Meinungen inszeniert werden, wie dies fast stets in den Mainstream-Medien der Fall ist, sofern überhaupt palästinensischen Standpunkte dort zu Wort kommen. Die üblichen Kontroversen in solchen Gesprächsrunden und Konfrontationen ignorieren oftmals die historischen Hintergründe und verflachen die Debatten. Alle ReferentInnen der Konferenz haben unterschiedliche Arbeitsbereiche und Hintergründe, persönlich wie politisch. Doch eines war als Grundlage Bedingung für die Teilnahme: die historische Anerkennung der Nakba und des damit verbundenen Unrechts gegenüber den palästinensischen Menschen in der Region. Die Leugnung der Nakba konnte somit nicht Teil der Diskussion sein, wiewohl selbstverständlich alle TeilnehmerInnen im Publikum sich innerhalb der Workshops und der Diskussionen auch zu Wort melden und auch zionistische Positionen einnehmen konnten.


Begriffsanalyse und- definition


Insbesondere beim gewählten Terminus "Ongoing Nakba" gingen die Meinungen der ReferentInnen auseinandergegangen. Inwieweit kann man die Kontinuität der anhaltenden Vertreibungspolitik und Entrechtung der PalästinenserInnen in Israel, der Westbank und Gaza mit der historischen Nakba von 1948 in Beziehung setzen? Ist die Nakba ein historischer Augenblick, ein einzelnes Ereignis, oder erkennt man erst in der Kontinuität die historische Dimension der Nakba? Ist es dann richtig, von einer "Ongoing Nakba" zu sprechen, wie der Titel eines Panels innerhalb des Symposiums lautete, oder werden damit die Vertreibungen und Massaker von 1948 relativiert? Oder handelt es sich um einen kontinuierlichen Prozess, der bis heute nicht abgeschlossen wurde, sondern fortgesetzt wird und ist daher der Begriff "Ongoing Nakba" korrekt? Mit diese Frage konfrontierten wir als VeranstalterInnen die einzelnen RefrentInnen und erhielten unterschiedliche Perspektiven, die in der ausführlichen Dokumentation des Symposiums auszuarbeiten sind.


Der Umgang mit dem Recht auf Rückkehr

In der Resolution 194 (III) der UN Generalversammlung von 1948 wurde das Recht der palästinensischen Flüchtlinge zur Rückkehr in ihre Heimat festgelegt. Wie weit muss, soll oder darf man heute von palästinensischer Seite, oder aber in der internationalen Debatte dieses Grundrecht diskutieren und damit erneut in Frage stellen? Diese Frage ist deshalb so sensibel, weil der israelische Staat dieses internationale Recht bisher stets ignoriert hat und im Osloer Prozess dieses unveräußerliche und individuelle Recht ausgehebelt werden sollte, da der PLO die umstrittene Legitimität gegeben wurde, über eine Einigung in dieser Frage zu verhandeln. Diese hätte dann vielleicht aus pragmatisch gedeuteten Gründen in die Rückkehr einer kleinen symbolischen Gruppe von PalästinenserInnen münden sollen. Eliminierung oder zumindest Minimierung des Rückkehrrechts, sagte Ilan Pappé entsprechen dem zionistischen Denken und der Angst, dass irgendwann der "jüdische Charakter" Israels verloren ginge. Die Rückkehr der PalästinenserInnen jedoch wäre, so Pappé, die große Chance, dass Israel seine rassistische Struktur verliert. Ilan Pappé betonte, dass das Recht auf Rückkehr ein Individuelles ist, dass weder Israel, noch die westliche Staatengemeinschaft, noch irgendein palästinensischer Präsident dieses Recht aufheben oder wegverhandeln könne.

Conclusio

Die Konferenz ermöglichte die vertiefende Debatte über den Nahostkonflikt, abseits der Richtlinien der internationalen Staatengemeinschaft, des Nahostquartetts oder den engen Vorgaben israelischer Regierungen. Somit konnte wieder über die vielschichtige Geschichte des Konflikts gesprochen werden. Dabei wurden Debatten oft nur angerissen, die Forschung zur Nakba ist noch lange nicht abgeschlossen und sollte unbedingt auch aus der historischen Verantwortung Europas heraus etabliert werden. Manche Aspekte, wie z.B. die zionistischen und kolonial-europäischen Maßnahmen vor 1948 konnte im Rahmen dieses Symposiums gar nicht erörtert werden. Dies nachzuholen, werden wir in zukünftige Veranstaltungen des Dar al Janubs ins Auge fassen.
Insgesamt war die palästinensisch-israelische Diskussion, sowie der westlich europäische Austausch mit den politischen und entwicklungspolitischen Experten aus der Region spannend und fruchtbar, und ein Teil des lebendigen und praktischen Handelns der Zivilgesellschaft.
Für eine ausführliche Dokumentation der einzelnen Beiträge und der Diskussionen wird der Verein für antirassistische und friedenspolitische Initiative/Dar al Janub in den nächsten Monaten einen ausführlichen Reader über die Konferenz erstellen und auch einen Großteil der Vorträge filmisch zu Verfügung stellen.


Fotos vom Symposium "Remaping Palestine" » Foto-Strecke


 

 

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